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Mehr als ein Test:
Platz 3 für Audi in Sebring
( und Platz 5 für Emanuele Pirro )

Sebring, 23. März 1999

Gelungener (Test-) Ersteinsatz
Strenge Geheimhaltung
Aus Training und Qualifying
Der Start und die ersten Stunden
Die zweite Rennhälfte
Und noch einmal 12 Stunden
Was eigentlich nur als Test gedacht war, endete mit einem Podiumsplatz für den schnellsten Audi R8R. Beim legendären 12-Stunden-Rennen von Sebring in Florida steuerten die beiden Italiener Michele Alboreto und Rinaldo Capello sowie der Schwede Stefan Johansson ihren matt-schwarzen Audi mit der Nummer 77 mit nur 3 Runden Rückstand auf den Sieger, dem BMW V12 LMR von Tom Kristensen, JJ Lehto und Jörg Müller über die Ziellinie. Weitere sechs Runden dahinter folgte auf Rang 5 der zweite R8R, an dessen Steuer sich Emanuele Pirro mit Frank Biela und Perry McCarthy abgewechselt hatte.
Audis Teilnahme am ältesten Straßenrennen der USA, das 1953 erstmals stattgefunden hatte, war zwar von langer Hand vorbereitet, hatte aber ausschließlich den Status eines Tests im Hinblick auf die 24 Stunden von Le Mans, die die Ingolstädter bekanntlich gewinnen wollen. Die Intension des Sebring-Einsatzes war, möglichst viele Kilometer im Rennbetrieb zu absolvieren, um Erfahrungen zu sammeln, die der Weiterentwicklung des keineswegs ausgereiften Rennsportwagens zugute kommen sollen. Außerdem wollte man wissen, wie zuverlässig der jüngste Sproß aus dem Hause Audi Sport bereits ist. Schließlich stand keineswegs fest, ob er zwölf lange Stunden unter den härtesten Bedingungen überstehen würde. Bislang war bei Tests noch keine so lange Distanz absolviert worden.
Das Treiben in Sebring hatte bereits am Montag vor dem Rennen begonnen: Die ersten beiden Tage stehen traditionell für Testfahrten zur Verfügung, bei denen seitens der Rennleitung keine Zeiten genommen werden. Trotzdem stoppen die Teams natürlich die Rundenzeiten, einschließlich der der Konkurrenz. Schließlich will man wissen, wo man steht.
Was gemeinsame Tests im französischen Le Castellet zwei Wochen zuvor bereits angedeutet hatten, bestätigte sich hier: Es würde schwer werden für Audi gegen die BMW V12 LMR, die nahezu in jeder Session die Bestmarke setzten. Als am Mittwoch erstmals die offiziellen Uhren der Rennleitung tickten, setzte sich dieses Bild fort. Im ersten freien Training lag der Audi mit der Nummer 78, gefahren von Emanuele Pirro, Frank Biela und Perry McCarthy mit fast exakt drei Sekunden Rückstand auf den schnellsten BMW von Kristensen/Lehto/Müller nur auf dem 9. Rang, und die Stimmung war entsprechend betrübt.
Im Qualifying blieb die Situation nahezu unverändert, bis auf die Tatsache, daß sich der Rückstand auf den BMW auf über vier Sekunden erhöhte, denn JJ Lehto, einst Emanuele Pirros Teamkollege bei Dallara in der Formel 1, umrundete den 5,955 km langen Flugplatzkurs in 1 Minute und 49,585 Sekunden. Emanuele Pirro, der die beste Zeit der sechs Audi-Piloten gefahren war, hatte im Gegensatz dazu 1:54,287 benötigt und somit den R8R auf Startplatz 11 gestellt. Der zweite Audi mit der Nummer 77 von Alboreto/Capello/Johansson (1:54,287) stand direkt dahinter.
Der Start zu den berühmten 12 Stunden von Sebring erfolgte am Samstag, dem 20. März 1999, um 10.15 Uhr. Nach einer Startaufstellung im klassischen Stil von Le Mans und dem Erklingen der Hymnen der Vereinigten Staaten und Frankreichs (schließlich ist Sebring Teil der neu geschaffenen American Le Mans Series ALMS), wurde das Rennen mit einem fliegenden Start eröffnet und am Steuer der Audi saßen Emanuele Pirro (Nr. 78) und Michele Alboreto (Nr. 77). Zwar hatte Alboreto in der ersten Kurve die Nase vorn, aber schon wenige 100 Meter später führte Emanuele das Audi-Duo an und baute seinen Vorsprung vor seinem Teamkollegen beständig aus. In der frühen Phase des Rennens führte der Riley&Scott-Judd des italienischen Teams Rafanelli vor den Werks-BMW.
Das Tempo der Spitze konnten die Audi allerdings nicht mitgehen, und nach Emanuele Pirros Schätzung verlor er pro Runde mindestens zwei Sekunden.
Doch schon um 11.59 Uhr - Emanuele hatte bereits an Frank Biela übergeben - gab es Probleme für den Audi Nr. 78: Der Deutsche kam unplanmäßig an die Box, weil etwas mit der Kupplung nicht stimmte. Der Wechsel eines defekten Kupplungszylinders kostete über 10 Minuten und warf das Auto um fünf Runden zurück. Audi-Sportchef Dr. Wolfgang Ullrich: "Warum der Hydraulikzylinder kaputtging, haben wir schnell herausbekommen: Das Teil war versehentlich nicht vor dem Rennen ausgetauscht worden und hatte bereits 4000 Testkilometern hinter sich." Auch so etwas kann vorkommen.
Dieser kleine Zwischenfall war nicht der einzige, der den Audi Nr. 78 ereilte: Als Emanuele Pirro am Nachmittag seinen zweiten Turn fuhr, hatte er hinten links einen Reifenschaden und mußte langsam zurück an die Box humpeln. Dort wurde eiligst eine neue Motorabdeckung vorbereitet, weil man davon ausging, daß die alte beschädigt wäre, aber ein Wechsel war nicht nötig. Nun lagen Emanuele und seine Partner Frank Biela und Perry McCarthy natürlich erst recht weit zurück und hatten keine Chance, zu ihren Teamkollegen Alboreto/Capello/Johansson aufzuschließen.
Im Laufe der 12 Stunden profitieren die beiden Audi von zahlreichen Ausfällen weniger zuverlässiger Autos. Besonders die ansonsten in den USA so erfolgreichen Ferrari 333 SP hatten Schwierigkeiten, und von den fünf gestarteten italienischen Boliden erreichte gerade einmal einer das Ziel - auf dem sechsten Platz hinter Emanuele Pirro.
Die Liste der ausgefallenen Wagen führte außerdem den anfangs so schnellen Riley&Scott vom Team Rafanelli, einen der beiden Werks-BMW und die beiden GT-Renner von Don Panoz auf. Für den Teamchef und Rennwagenbauer Panoz, der außerdem Besitzer des Sebring International Raceway ist, war das Wochenende in sportlicher Hinsicht kein Erfolg. Finanziell dafür um so mehr, denn weit über 100.000 Zuschauer waren zu dem historisch anmutenden Flugplatzkurs gepilgert und $70 für den Eintritt bezahlt.
Und so fanden sich die beiden Audi irgendwann auf den Positionen drei und fünf wieder. Das Wichtigste bei einem Langstreckenrennen ist eben doch das Ankommen.
Gegen Ende des von zahlreichen Gelblichtphasen geprägten Rennens kam es zu einem Duell zwischen dem verbliebenen BMW V12 LMR von Lehto/Kristensen/Müller und dem Riley&Scott-Ford des Dyson-Teams, der von Elliott Forbes-Robinson und Butch Leitzinger gefahren wurde (der ebenfalls genannte Teamchef Rob Dyson hatte darauf verzichtet, sich selbst ans Steuer zu setzen). Während der Gelbphasen hatte der betagte, aber extrem zuverlässige amerikanische Achtzylinder, der bereits im Januar in Daytona gewonnen hatte, immer wieder zum schnellen BMW aufschließen können. Und schließlich hatten die Amerikaner noch einen Triumph im Ärmel: für den letzten Turn setzten sie James Weaver, der - nebenbei bemerkt - in Le Mans einen Audi fahren wird, ans Steuer, weil dessen eigenes Auto ausgefallen war. Der schnelle Brite machte dem BMW kräftig Druck und als nach exakt 12 Stunden und 52,550 Sekunden auf der betonierten Start-Ziel-Geraden die schwarz-weiß-karierte Flagge fiel, lag er nur 9,292 Sekunden hinter dem Sieger. Damit wurde ein seit 29 Jahren bestehender Rekord für den knappsten Zieleinlauf in der Sebring-Geschichte nivelliert. 1970 hatten Mario Andretti, Nino Vaccarella und Ignazio Giunti mit einem Vorsprung von 23,8 Sekunden über Peter Revson und Hollywoodstar Steve McQueen triumphiert.
Trotz des schönen Erfolges, über den sich Audi sehr gefreut und mit dem im Vorfeld niemand gerechnet hatte, wird natürlich nicht vergessen, daß es noch viel zu tun gibt. Die 12 Stunden von Sebring haben gezeigt, wie man im Verhältnis zu BMW steht, die ihr Engagement in Zentral-Florida ebenfalls nur als Test deklariert hatten. Im Verlauf der nächsten Wochen bis zum Pre-Qualifying in Le Mans am 2. Mai 1999 wird nach zahlreichen Lösungen gesucht werden.
Mit der Siegerehrung und den anschließenden Feierlichkeiten war der Einsatz für das Audi Sport Team Joest noch lange nicht beendet. Weil in Le Mans doppelt so lange gefahren wird wie in Sebring, hängte man am Montag und Dienstag noch einmal zwei Testtage dran, an denen weitere 12 Stunden lang gefahren werden sollte. Am Sonntag wurden die Autos nahezu unangetastet gelassen, um die Simulation so realistisch wie möglich zu machen. Jedes Teil sollte echte 24 Stunden lang im Einsatz sein. Auch diese Tests wurden mit Erfolg absolviert, denn der Audi R8R blieb so zuverlässig wie im Rennen. Nur an der vorderen Aufhängung des drittplazierten Autos stellte sich ein kleines Problem ein, dessen Behebung nicht viel Zeit in Anspruch nahm. Aus Sicherheitsgründen wurde dieses Teil auch am Auto von Emanuele Pirro, Frank Biela und Perry McCarthy ausgetauscht. Dieser kleine Vorfall, dessen Ursache schnell geklärt werden konnte, sollte der einzige Zwischenfall bleiben, und so konnte Audi seinen USA-Ausflug mit der Gewißheit beenden, immerhin ein zuverlässiges Auto zu haben.

Gregor Schulz

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