Kein
Tag wie jeder andere
Emanuele
Pirro am Steuer der wertvollsten Rennwagen der
Welt
Nürburgring, 21.
September 1997
- Nicht alltäglich
- Wie Nuvolari auf
dem Nürburgring
- Verschollen und
zurückgekehrt
Es gibt
Tage, die sind selbst für einen Berufsrennfahrer
etwas ganz besonderes; und nicht etwa, weil man
erfolgreich war und einen Sieg nach Hause fahren
konnte. - Nein, sie sind so besonders, weil man
die Gelegenheit hat, ein ganz spezielles Auto zu
bewegen, eines, das selbst für einen Mann,
dessen Alltag nicht alltägliche Autos sind,
seinen Reiz hat.
Mitte September
1997 war für Emanuele Pirro so ein Tag: Er hatte
Gelegenheit, zwei historische Auto Union
Rennwagen zu fahren und war außer sich vor
Freude, wegen der Ehre, die ihm zuteil wurde:
"Das Unglaubliche an diesen Autos ist ihre
Geschichte. Sie ist es, die deinen Herzschlag
ganz besonders beschleunigt. Wenn man bedenkt,
wer schon alles damit gefahren ist", freute
sich der Römer, der als erster Profirennfahrer
nach Tazio Nuvolari wieder am Steuer eines Auto
Union D-Typ Platz nehmen durfte. Und der
"Fliegende Mantuaner" Nuvolari, Star
der Auto Union in den beiden Vorkriegsjahren, ist
schließlich seit klein auf Emanuele Pirros Held.
Schauplatz
von Emanueles Demorunden vor begeistertem
Publikum war die Eifel Klassik, eine der
traditionellen Oldtimer-Rennveranstaltungen auf
dem Nürburgring, die in diesem Jahr vom 19. -
21. September auf dem Eifel-Kurs über die Bühne
ging.
Bei einem der
beiden Wagen handelte es sich um einen Auto Union
D-Typ, der für die Grand Prix-Saison 1938
entstanden war und der über einen 3-Liter-V12
mit Kompressor verfügt, der rund 485 PS leistet.
Das andere Auto
ist noch eine Klasse stärker: Den Bergrennwagen
aus 1939 treibt ein V16 mit 6 Litern Hubraum an,
der 520 PS an die doppelten Hinterräder abgibt.
Die Zwillingsbereifung war eine Idee von
Bergkönig Hans Stuck, dem es auf möglichst viel
Traktion ankam.
Und
wie analysiert der Rennprofi der Neunziger einen
Rennwagen aus den 30er Jahren ?
"
Ganz anders ist die Sitzposition hinter dem
riesigen Lenkrad, bei der dein Körper völlig
frei ist. Und an dem Lenkrad muß man sich
festhalten, was das Fahrer viel schwieriger
macht. Man muß nicht nur lenken, sondern sich
gleichzeitig festhalten. Das erfordert viel
Kraft, auch wenn die G-Force nicht sehr hoch ist.
Aber
abgesehen davon, ist alles so wie man es gewöhnt
ist. Alles ist dort, wo es hingehört.
Am
meisten beeindruckt hat mich die Schaltung und
das Getriebe, denn man hat das Gefühl, die
würden aus einem modernen Rennwagen
stammen."
Ist
es harte Arbeit, mit solchen Wagen zu fahren ?
"
Für mich war es schon sehr anstrengend, mit den
Wagen zu fahren. Aber wie immer, wenn man etwas
macht, was man nicht kennt, fordert es einem mehr
Energie ab, als eigentlich nötig wäre. Die
Leute damals sind sehr lange Rennen gefahren,
waren im Vergleich zu einem modernen Rennfahrer
aber nicht so durchtrainiert. Sie wußten
einfach, wie man mit diesen Autos umgeht und wie
man sie beherrscht."
Kann
man einen Auto Union in irgendeiner Hinsicht mit
einem modernen Rennwagen vergleichen, etwa mit
den Formel 1, die Du vor einigen Jahres fuhrst ?
"
Die Autos sind nicht zu vergleichen, schon wegen
ihrer unterschiedlichen Performance. Was man aber
sofort spürt, wenn man in den Auto Union steigt,
ist, daß es ein reinrassiger Grand Prix-Wagen
ist, und das er für echten und ernsthaften
Motorsport konstruiert wurde. Eben für den Grand
Prix-Sport."
Welches
Fahrverhalten legt der Auto Union an den Tag ?
Hat er eher einen Hang zum Über- oder
Untersteuern ?
"
Mehr oder weniger zu beidem. Und wegen des
geringen Grip ist beides sehr stark, wenn es
auftritt.
Was
die Ingenieure von damals gewollt haben, war
genug Traktion und Power in jeder Situation, denn
man kann den Wagen nur schnell bewegen, wenn man
ihn über das Gaspedal steuert. Ich denke die
Fahrtechnik war, den Wagen vor der Kurve quer zu
stellen, was er ohnehin von alleine macht, um
dann hindurch zu driften und so früh wie
möglich wieder auf dem Gas zu sein."
Nachdem
Du den V16 Bergrennwagen und das V12 Grand
Prix-Modell intensiv gefahren hast, welchem
würdest Du den Vorzug geben ?
"Nachdem
ich am Freitag nur wenige Runden mit beiden
gefahren war, dachte ich, der V16 wäre der
bessere. Doch nun, da ich mit beiden Erfahrungen
gesammelt habe, empfinde ich den V12 als das
bessere Auto. Allerdings kamen mir am Sonntag mit
dem Grand Prix-Wagen auch die Erfahrungen zu
Gute, die ich am Samstag mit dem Sechzehnzylinder
gesammelt hatte."
Emanuele
Pirros Ausführungen lauschte ein Mann besonders
interessiert: Paul Karassik aus Florida. Er war
der Mann, der die beiden Zwölfzylinder in den
80er Jahren in der damaligen Sowjetunion
aufgespürt hatte und sie stückchenweise in den
Westen transportierte. Danach wurden die beiden
D-Typen von einem englischen Fachbetrieb
restauriert und erlebten ihre Premiere im
"zweiten Leben" 1994 bei der
Eifel-Klassik.
Er
freute sich sehr, eines seiner Schätzchen einmal
von einem professionellen Rennfahrer bewegt zu
sehen.
Der V16 aus dem
Besitz der Audi AG war ebenfalls seit Kriegsende
in der UdSSR, wohin damals fast alle verbliebenen
Rennwagen der Zwickauer transportiert worden
waren. Vor zwei Jahren konnte die Ingolstädter
Nachfolgegesellschaft der Auto Union den Wagen
von seinem Besitzer, einem Oldtimer Club im
lettischen Riga, erwerben.
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